Kulturhauptstadt Koblenz

"Kreativwirtschaftler" in Koblenz

 

 

 

Kürzlich erreichte mich ein Anschreiben des Kulturdezernats, die Stadt möchte gerne einen Galerie- und Atelierführer herausgeben, wir sollten doch bitte alle Texte und Fotomaterial zur Verfügung stellen. Zeitgleich wurde bekannt, dass die Stadt Koblenz sich 2019 als Kulturhauptsstadt bewerben möchte.

 

Was also auf den ersten Blick wie ein freundliches Angebot aussieht –  endlich wird mal was für uns getan, man glaubt es nicht! Wir werden wahrgenommen! – entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kluger Schachzug: mit einem minimalen finanziellen Aufwand versichert man sich, dass alle bei der Stange bleiben – und auch weiterhin fleißig Ausstellungen und Events organisieren, für lau, für umme, oder wie man es nennen möchte. Und die Stadt macht dann Werbung – mit einer lebendigen Kunstszene.

 

In der letzten Ausgabe von Blick Aktuell bezeichnet Oberbürgermeister Hofmann-Göttig „die kreative Szene, sowie das breite Engagement privater Initiativen“ als Gründe für die enorm gewachsene Attraktivität der Stadt. Koblenz wächst anscheinend, insbesondere junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren soll es hierhin ziehen, nicht zuletzt auf Grund dieser sogenannten weichen Faktoren, wie „Lebendigkeit und Flair“.

 

In derselben Ausgabe der Zeitung gibt es auch einen Artikel über den skandalösen Umstand, dass die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier den Koblenzer Haushaltsplan immer noch nicht genehmigt hat. Obwohl der einen Überschuss von 1,9 Millionen Euro vorsieht, sollen die freiwilligen Leistungen – d.h. Kunst, Kultur, Vereine – um eine Millionen gekürzt werden.

 

 Davon sind auch wir mit unserem Verein „mehrkunst e.V.“ unmittelbar betroffen. Wir haben für den Sommer ein Projekt im Haus Metternich geplant – zwei Wochen pralles Programm mit Ausstellung, Ferien-Workshops für Kinder, Performances, Musik -  aber wir wissen immer noch nicht, ob wir mit dem uns zugesagtem Betrag rechnen können (der im übrigen auch nicht viel mehr als die Versicherung und die Flyer abdecken würde).

 

Die Lage ist also kompliziert und ich möchte diesen Text auch nicht als Polemik, sondern als konstruktiven Beitrag verstanden wissen.

Meine Kritik geht dahin, dass im Umgang mit den `kreativen Dienstleistern´ in dieser Stadt die Dinge nicht beim Namen genannt werden. Man versucht, den schönen Schein zu wahren, die harten Fakten sind nur für Eingeweihte. Hier die Verwaltung, dort die Bürger, getrennt wie eh und je durch eine Wand aus schönen Worten – auch das ist Koblenzer Tradition, aber das steht auf einem anderen Blatt.

 

Beim Kulturfrühstück, zu der die Kulturdezernentin bereits zum dritten Mal geladen hat (bezahlen muss man sein Frühstück allerdings selbst), wird regelmäßig ausführlich aufgezählt, wie stolz wir in dieser Stadt sein können auf unser kulturelles Angebot. Das stimmt auch, aber während die einen ihr Gehalt regelmäßig auf dem Konto haben, hangeln sich die anderen irgendwie durch. Versucht man, dass anzusprechen, wird abgewiegelt. Der neue Intendant der Berliner Volksbühne und ehemaliger Direktor der Tate Gallery in London, Chris Dercon, drückt es in seinem Artikel „Das Künstlerprekariat sitzt in der Falle“ so aus: „Das nennt sich heute auch Kreativwirtschaft, worunter eine stille Übereinkunft der politischen Parteien von links und rechts verstanden wird, Selbstausbeutung zu stimulieren.“ (http://www.monopolmagazin.de/“das-künstlerprekariat-sitzt-in-der-falle“).

 

 Aber Selbstausbeutung soll auch Selbstausbeutung genannt werden dürfen, oder auch: ich möchte bitte nicht mehr unter meinem Niveau angesprochen werden. Wenn mein Partner und ich mit unserer Galerie oder gemeinsam mit unseren Vereinskollegen ein Programm hinlegen, für das man viel Geld bezahlen müsste, wollte man es mit städtischen Mitarbeitern organisieren, dann sollte man mit uns zumindest auf Augenhöhe sprechen. Man sollte gemeinsam mit uns versuchen, Lösungen zu finden.

 

Wir würden gerne weiterhin Ausstellungen und Events organisieren, aber so wie es ist, geht es auf die Dauer nicht weiter. Unsere finanziellen Rücklagen sind aufgebraucht, wir brauchen  Planungssicherheit, wenn wir weitermachen sollen.

Wie wäre es, wenn wir z.B. über eine Ausstellungsfinanzierung sprechen würden? Wenn man die an der Museumsnacht beteiligten Galerie wieder finanziell berücksichtigen würde? Es wäre schön, wenn dieser Text zu einer offenen und transparenten Diskussion mit den Entscheidungsträgern der Stadt beitragen könnte.

 

 

 

 

 

Dirk Rausch_2016

Gedanken zu Hermann Glöckners Faltbild anläßlich der Ausstellungseröffnung "Dirk Rausch_2016" in der Galerie SEHR in Koblenz
Hermann Glöckner, Gefaltete Streifen in Rot und Weiß auf Schwarz, 1933, ca. 35 x 25 cm, Städel Frankfurt

 

Dirk Rausch_2016

Siebdruckunikate und Aquarelle

 

Ausstellungseröffnung

 

Kurz nach Eröffnung des Erweiterungsbaus des Städel in Frankfurt 2012 haben mein Partner und ich dort die Ausstellung zur Gegenwartskunst besucht. Ein Werk ist uns besonders im Gedächtnis geblieben: Gefaltete Streifen in Rot und Weiß auf Schwarz von Hermann Glöckner.

Diese Arbeit aus dem Jahr 1933 besteht aus Streifen aus transparentem Japanpapier auf einer schwarz lackierten Farbtafel. Durch die Faltung des Papiers entstehen neue Formen, Dreiecke, Quadrate, in verschiedenen Transparenzgraden und Farbigkeiten.

Für viele gehört es zu den schönsten Kindheitserinnerungen: Drachen oder Laternen bauen mit transparentem Papier. Vielleicht haben auch Sie damals erlebt, welche Faszination darin liegt, Schnipsel und Streifen übereinanderzulegen, sie hin- und herzuschieben und mit jeder Schichtung neue Farb- und Formenkombinationen entstehen zu lassen.

Es waren diese Assoziationen, die sich einstellten, als ich in einem Ausstellungskatalog von 2007 eine Arbeit von Dirk Rausch sah.

 

 

es war die gleiche Leichtigkeit der künstlerischen Geste, die mich bereits ian der Arbeit Hermann Glöckners beeindruckt hatte.

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