Vorgärten in Deutschland

Zwischen Sichtschutzzäunen und Schotter

Was sagen unsere (Vor)-Gärten über uns aus ?

Was Sie auf diesen Bildern sehen, ist nur eine kleine Auswahl von dem, was ich zu sehen bekomme, wenn ich in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, einen kurzen Spaziergang mache. Wo früher niedrige Jägerzäune und Hecken standen,  finden sich jetzt überall  metallene Sichtblenden auf Augenhöhe oder  - noch schöner - mannshohe  "Sichtschutzzäune". Nun gibt es  in diesem Viertel  keine stark befahrenen Straßen, keine häßlichen Brücken, Straßenkreuzungen oder Industrieanlagen, auf die man blicken könnte - höchstens mal den Nachbarn, der den Hund ausführt oder die joggende Nachbarin, sonst ist hier nicht viel zu sehen. Kinder? Ja, ein paar frei laufende Kinder gibt es auch noch. Warum also diese hohen Zäune?  Es hat im Viertel in den letzten beiden Jahrzehnten ein Generationenwechsel stattgefunden und die Anzahl der Grünen-Wähler hat zugenommen. Gibt es da einen Zusammenhang? Müssen sich die Alteingesessenen jetzt schützen vor dem Anblick wuchernden Unkrauts und ungeschnittener Hecken? (Immerhin gab es so was hier früher nicht! ) Das ist eine ernsthafte Frage, über die sich mal jemand Gedanken machen sollte.

Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang ist der Schotter, der überall aufgebracht wird - oder feiner: "Gartenkies", wie er im Fachhandel genannt wird - also Steine. Kein neuer Trend, ich weiß, aber wird es nicht langsam mal Zeit, auch dieses Phänomen wissenschaftlich zu untersuchen?  Warum entscheidet man sich für Basaltsplit und gegen Grün, für Kiesel und Steine und gegen Bäume und Blumen? Das kann doch nicht nur daran liegen, dass solche "Vorgärten" (wie soll man so was nennen, bitte schön? Hauszugangsbereiche?) pflegeleichter sind. Dabei ist es statistisch gesehen mehr als wahrscheinlich, dass es gerade die Eigentümer dieser Schotterwüsten mit Buchs sind, die sich all die Hochglanzmagazine kaufen, in denen das Landleben gepriesen wird:  jenes ursprüngliche Dasein im Einklang mit der Natur, wo fleißige Bienen von morgens bis abends Nektar sammeln und  hübsche Zitronenfalter über blühende Wiesen tanzen. Hier tanzt niemand mehr, das ist mal klar. Hier kommt  etwas viel tiefer Liegendes zu Tage, eine seismografische Verschiebung im Gemüt des deutschen Vorgartenbesitzers, die es endlich einmal zu erforschen und zu dokumentieren gilt!

Deswegen mein Appell an alle Soziologie-, Anthropologie- und Ethnologiestudentinnnen und -studenten:  bewaffnet euch mit Fragebögen und schwärmt aus in die Vorstädte mit ihren Reihenhäusern, Villen und Bungalows - hier gibt es noch viele Geheimnisse zu entdecken, hier macht Feldforschung noch Sinn. Und vielleicht wird man dann irgendwann einmal nachvollziehen können, wie es geschehen konnte, dass Vorgärten zu Wüsten und Gärten mit Hecken und Jägerzäunen (wer hätte gedacht, dass ich einmal ein Loblied auf den Jägerzaun anstimme? ) zu Hochsicherheitszonen wurden und alle das für völlig normal halten.

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