Die "Weißerhöfe" in Koblenz

Über Städtebau und Architektur

Schon wieder eine verpasste Gelegenheit, durch eine gelungene Stadtplanung städtische Identität zu schaffen

Dies ist der Entwurf für die Weißer Höfe (Architektenbüro Jens J. Ternes, Koblenz), eine große Wohnanlage, die auf dem Gelände des alten Stadtbads entstehen soll  - direkt gegenüber und mit Blick auf die historische Altstadt, schönste Innenstadtlage also. Was diese Anlage aber mit städtischer Bebauung gemein haben soll, das wissen mal wieder nur die verantwortlichen Koblenzer Politiker, die für die Umsetzung dieses Entwurfs gestimmt haben. Es gibt hier schöne geräumige Balkone mit Nord/Nordostausrichtung auf eine vielbefahrene Kreuzung und eine hübsche Rasenfläche, die den Komplex einrahmt (das vielbeschworene "Grün" in der Stadt?) - schönste Stadtrandbebauung also. Was fehlt ist ein wie auch immer gearteter Versuch, sich in die Stadttextur einzufügen, d.h. die"Grammatik" der gegenüberliegenden Straßenzeilen aufzunehmen und einen verdichteten "urbanen Raum" zu schaffen; was fehlt, ist auch und vor allem eine Fassade, die ihren Namen verdient. Trotz der Relevanz dieses Geländes für die Stadtsilhouette werden hier sämtliche gestalterische Regeln hinsichtlich Größe, Form und Fassadendurchbildung ignoriert. Hier passt schön ein Zitat von Fritz Neumeyer aus der Reihe "Stadtbaukunst", die ich im übrigen allen Entscheidungsträgern ans Herzen legen möchte (ebenso wie z.B. so lesenswerte Bücher wie Basics.Stadtbausteine. von Thorsten Bürklin und Michael Peterek und Städtebauliches Entwerfen von Christa Reicher):


Gleichgültigkeit im Verhalten gegenüber der Umwelt gilt uns heute als unangemessen. Im städtischen Bauen ist die Fassade, ob sie es will oder nicht, Bestandteil der Oberfläche des Stadtkörpers und nimmt Teil an der Erscheinung des öffentlichen Raums, den die Gesellschaft der Häuser bildet. Von der architektonischen Intelligenz der Fassade hängt es ab, nicht nur dem Bau selbst sondern auch dem Ort, an dem er sich befindet, ein Gesicht zu geben.”


Fritz Neumeyer: Was ist eine Fassade? - Lernen von Leon Battista Alberti. In: Stadtbaukunst: Die Fassade. Dortmunder Architekturtage 2010. Dortmunder Architekturhefte n.23, S.90



Und noch zwei Zitate, die sich unsere Stadtpolitiker vielleicht kopieren, ausschneiden und unter das Kopfkissen legen sollten:

 

Es ist notwendig, dass Architekt und Publikum aufhören, den einzelnen Bau als ein in sich geschlossenes Gebilde zu betrachten. Jeder Bau hat eine Verpflichtung gegen seine Umgebung, gegen die gesamte Stadt, wie der einzelne gegen seine Familie. Nicht einzelnes allein zu sehen, sondern Relationen zu geben, dies ist das erste Bemühen des (historischen) Stadtbaues. Unter Relationen verstehen wir das optisch aufgenommene, plastisch und räumlich empfundene Verhältnis der einzelnen Teil einer architektonischen Situation untereinander und zum Ganzen. Dient es zur Steigerung des einen, läuft es auf das Harmonisieren des Gesamten hinaus, - die verschiedenen Werte bilden eine in sich ausgewogene Einheit.“


Albrecht Erich Brinckmann, Deutsche Stadtbaukunst in der Vergangenheit, Frankfurt am Main 1921 cit.: Christop Mäckler:Straßen, Häuser, Plätze – Bausteine der Stadtbaukunst. p.278-279


Stadtidentität und Stadtmarketing – hier prallen auf den ersten Blick zwei gegensätzliche Welten aufeinander. Bei der Identität geht es um den Geist, die Idee, die Seele der Stadt, beim Marketing um die Erscheinung, das zu vermarktende Produkt.[...]

Stadtidentität entsteht jenseits des Marktes, also etwa jenseits von Immobilienmarkt, Wirtschaftsförderung, Tourismusförderung, usw. (hier sind es gegenläufig vielmehr diese „Märkte”, die von einer starken einzigartigen Stadtidentität profitieren).”


Marie-Luise Hilber: Städte gehen in die Zukunft. In:Marie-Luise Hilber/Götz Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. 2012 Jovis Verlag GmbH Berlin, S.27-28


 

 

Es gab das Ansinnen, doch zu zeigen, wie eine geglückte Bebauung denn meiner Meinung nach aussehen würde, deshalb hier einige Beispiele

Berlin, Kreuzberg, Oranienplatz 2, Damenmantelfabrik R. M. MaasenCC BY-SA 3.0

Beek100 - Own work

Former department store of the R. M. Maassen ladies' coats factory at Oranienplatz No. 2, corner of Oranienstraße No. 164 (on the right), in Berlin-Kreuzberg. It was built in 1904 to a design by the architects Breslauer & Salinger. The building has been designated a historic landmark.

Swiss Life Splügenstrasse, Zürich

Die Bauaufgabe an diesem zentral gelegenen Ort, unweit des Bahnhofes Enge und des Bürkliplatzes, bestand in der Konzipierung eines Neubaus, der unter Berücksichtigung der Profilerhaltung als Einheit gelesen werden soll und dessen Differenziertheit innerhalb der Kontinuität besteht.

Der Neubau fügt sich nahtlos in den bestehenden Blockrand ein. Die Fassaden der Strassenseiten übernehmen die klassische Dreiteilung von Dach, Normalgeschosse und Sockelgeschoss. Die Fenster werden in Anlehnung an die historischen Gesimse mit präzisen, prägnanten Aluminiumrahmen gefasst. Der Kratzputz auf den Aussenwänden übernimmt die Materialität der historischen Nachbargebäude.

Wie ein Schleier legt sich ein Gewand der ursprünglichen historischen Gebäude auf die Fassade, spiegelt Symmetrien und Strukturen durch eine leichte farbliche Nuancierung des Putzes horizontal und vertikal wider.

Ohne die Einheit des Gesamtkörpers zu zerstören, verspringen die Fenster sowie Dachsimse in ihrer horizontalen Lage. Tief in der Leibung sitzende Fenster unterstreichen das Fassadenkonzept.
aus: www.baunetz.de

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